Frühjahrsmesse Kassel: In der Nachbarschaft der Jäger

 

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Die Frühjahrsmesse Kassel ist beendet. Im Rahmen des Aktionsbündnis Jagdfreie Natur hatten sich unter der Regie der Anti-Jagd-Allianz e.V. die Partei Mensch Umwelt Tierschutz und pro iure animalis sich mit einem gemeinsamen Informationsstand in der Halle 5 präsentiert. Ebenfalls in der Halle 5 – in Sichtweite – haben sich Jagdvereine aus dem Raum Nordhessen präsentiert.

Diese Konstellation lässt Spannungen in der Halle 5 vermuten. Der Vorwurf der Provokation schwebte im Raum. Doch wieso soll es Provokation sein, wenn zwei konträre Standpunkte zu einem Thema dargestellt werden, zu einem Thema, das ohnehin die Meinung in der Bevölkerung spaltet?

Jagd sei angewandter Naturschutz, Jäger seien Naturliebhaber und Freunde der Tiere, behaupten jedenfalls die Jäger und Jagdbefürworter. Jäger empfinden jedes Nachdenken über diese von ihnen gern verwendeten Slogans als Provokation. Doch denke ich, dass es erlaubt sein muss darüber nachzudenken und auch darüber zu sprechen, wenn die ca. 350.000 Jäger in Deutschland jährlich ca. 5,5 Millionen Wildtiere abschießen. Also quasi jeder Jäger 15,71 seiner Freunde das Lebenslicht ausbläst. Und das nicht zur Nahrungsmittelbeschaffung – nur ein Bruchteil der Tiere landet auf einem Teller – sondern im Sinne der "Hege und Pflege" im Zuge einer vorwiegenden Hobby- und Spaßjagd. Dabei wird unsere Landschaft mit Hochsitzen verschandelt und Müll in rauen Mengen abgelagert. Verfallende Hochsitze verrotten in der Natur, dabei liegen Bretter und Balken mit spitzen Nägeln quasi auf dem Fußboden des Lebensraumes der Wildtiere neben Glasscherben, Dachpappe, Eternit und anderem Sondermüll. Ist dies angewandter Naturschutz? Sind die Hochsitze noch in Takt werden von diesen Schießtürmen aus die Sozialstrukturen der einzelnen Tierarten zerschossen. Die Natur wehrt sich und kontert mit verstärkter Vermehrung. Die Populationszahlen steigen – ein fataler Kreislauf, der noch durch den "Tierfreund" Jäger unterstützt wird, in dem zentner- und tonnenweise Futter in den Wald gekarrt wird. Aber die Jäger stehen ja mit durchgeladener Flinte parat, um uns – die Bevölkerung – z.B. vor der Wildschweinschwemme zu beschützen. Auch beschützen sie uns gerne vor Krankheiten wie der Tollwut mit ungezügelten Fuchsmassakern. Fragwürdig vor dem Hintergrund, dass laut der Weltgesundheitsorganisation WHO Deutschland als tollwutfrei gilt ...

Eben diese Zusammenhänge darzustellen war eines der vornehmsten Ziele der Messepräsentation. Dabei war nicht die Absicht die Jäger von ihrem widersinnigen Tun und Handeln zu überzeugen, sondern die Bevölkerung aufzuklären. Ziel war nicht gegen die Vertreter der 0,4 % unserer schießenden Bevölkerung anzutreten, sondern den Vertretern der verbleibenden 99,6 % der Bevölkerung Fakten an die Hand zu geben. Und die zahlreichen Gespräche mit den Personen aus der 99,6 %-Gruppe haben gezeigt, dass dies im Zuge der neun Tage dauernden Messe gelungen ist. Bei manchen Gesprächspartnern haben wir offene Türen eingerannt, andere wurden zum Nachdenken angeregt.

"Jagd ist eine Nebenform menschlicher Geisteskrankheit" stand auf einer Schautafel an dem Messestand geschrieben. Für den Nicht-Jäger ein Blickfang und ein Grund zum Stehenbleiben, für den Jäger sicher eine Provokation. In diesem Zusammenhang möchte ich noch mal kurz auf die oben genannte statistische Zahl zurückgehen: erschießen Sie im Jahr 15,71 Ihrer Freunde?

Und im übrigen: auch wenn es vielen von den sich-provoziert-gefühlten gefallen hätte, das Zitat stammte nicht aus dem Mund der Tierschützer. Es stammte von Theodor Heuss, dem ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland. Genau das stand auch mit auf der Schautafel, unten in der letzten Zeile in kleinerer Schrift, aber trotzdem noch gut lesbar. Ein Jäger, der sich über das Zitat echauffierte wurde auf den Urheber und die letzte Zeile hingewiesen. Sein Einwand, er könne dies nicht lesen, das wäre ja zu klein geschrieben, wirft natürlich Fragen auf, gibt jedoch gleichzeitig auch eine Erklärung dafür, warum manche Tiere sich zerschossen einem stunden- oder tagelangen Todeskampf hingeben müssen. Wenn ich schon von einem Freund erschossen werden sollte, möge dieser doch bitte mit so ausreichend Sehstärke ausgestattet sein, dass er einen präzisen Schuss anbringt ...

Wer nun glaubt, dass alle Jäger tumbe Lusttöter sind, liegt auch falsch. Einige Gespräche mit den Waidmännern haben schon nach kurzer Gesprächsdauer ergeben, dass diese sehr wohl um die Probleme in den eigenen Reihen mit schießwütigen Kameraden wissen. So endete eines der von mir selbst geführten Gespräche mit einem Jagdscheininhaber damit, dass dieser mir ehrlich mit Schulterklopfen bekundete, unsere wahrgenommene Aufgabe sei wichtig und wir auf jeden Fall weiter machen sollten.

Dieses Gespräch gewann schon Sekunden später an Bedeutung, als gleichzeitig mit seinem Weggang von unserem Messestand ein "Flintenweib" um die Ecke bog und mich mit aggressivem und provozierendem Ton fragte, was ich gegen die ach doch so wichtige Jagd einzuwenden hätte. Kurzum: ein sachliches Gespräch war nicht möglich, alles was wir darstellen sei gelogen aber es müsse halt eben auch so Spinner wie uns geben ...

Auch hat so mancher Jäger durchaus Probleme mit einer freundlichen Ansprache. Als sich einer der Waidmänner breit vor unserem Stand aufbaute und alles betrachte, ging meine Kollegin auf ihn zu, stellte sich mit Namen vor und begrüßte ihn. Er bekundete, dass das was wir machen ja alles Provokation und gelogen sei. Außerdem habe er sich ja vorgenommen mit uns gar nicht zu sprechen. Und überhaupt: wieso sie sich ihm vorstelle? Meine Kollegin verwies auf ihre freundliche Art und gute Kinderstube ...

Alles in allem war unser Auftritt bei der Frühjahrsmesse Kassel eine gelungene Aktion, welche den personellen und finanziellen Aufwand gelohnt hat. Nun dürfen wir gespannt sein, zu welchen Verwerfungen es noch im Nachgang zu der Messe kommt. Für uns steht jedoch fest, dass wir im nächsten Frühjahr wieder dabei sein wollen. Immerhin bleibt den Jägern dann eine jagdgegnerfreie Herbstmesse zur Entspannung.

Harald Hoos | pro iure animalis (09.03.2012)

 

Pressemeldung der Messe Kassel ...