Risiko „Bleivergiftung“


Bleiverseuchtes Wildfleisch wird vom Markt genommen

wildfleisch_kopie.pngEndlich warnt auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in seiner Pressemitteilung vom
19. September 2011 ganz offiziell vor dem Verzehr von Wildfleisch.

Wissenschaftler und Verbraucherschützer weisen seit langem auf das Risiko der Bleikontaminierung von Wildfleisch hin. Trifft ein Projektil beim Tier nämlich einen Knochen, werden feinste Bleipartikel weit in das Gewebe gestreut.

Bereits Mitte September hatte das europäische Schnellwarnsystem für Lebens- und Futtermittel Alarm geschlagen. Doch erst jetzt ist der Fall in die Öffentlichkeit zu gelangen.

Aufgrund des europäische Schnellwarnsystem wurden nun 1,2 Tonnen Hasenkeulen aus Österreich in Deutschland vom Markt genommen, da der Blei-Grenzwert für Schweinefleisch (einer für Fleisch von Wildtieren existiert erstaunlicherweise nicht) um über das 1.000-fache überschritten war. Der Rückruf wurde EU-weit über das europäische Schnellwarnsystem für Lebensmittel erfasst und gestreut.

Ohne dieses große Aufsehen wurden bereits 2010 weitgehend unbemerkt eine größere Charge Rehfleisch vom Markt genommen, da sie erheblich bleiverseucht war, berichtet der Ökologische Jagdverband Saarland.

Aktuell nehmen mehrere Lebensmittelketten jegliches Wildfleisch aus den Regalen. Ende Oktober treffen sich die Länder-Agrarminister zum Thema. Am 3. + 4.11. 2011 findet in Berlin beim BfR (Bundesamt für Risikobewertung, früher Bundesgesundheitsamt) eine schnell angesetzte Tagung zum Thema statt. Der gesamte Lebensmittelhandel wird auch auf der Matte stehen, denn Blei kann eine chronische Vergiftung hervorrufen, die sich unter anderem in Kopfschmerzen, Müdigkeit, Abmagerung und Defekten der Blutbildung, des Nervensystems und der Muskulatur zeigt.

Glaubt man den Jägern, ist der Bleigehalt von Wildfleisch nur dann bedenklich, wenn man sehr viel davon verzehrt. Lediglich bei Schwangeren oder Kindern könnte es zu Schäden führen und die extrem hohe Belastung bei den in Deutschland genommenen Proben wird auf einen Verarbeitungsfehler geschoben. Realität ist, der Jäger übergibt den geschossenen Kadaver ohne ihn selbst vorher zu behandeln. Die Bleikügelchen der Schrotmunition stecken normalerweise zwischen Fell und Unterhaut. Dringen jedoch Geschossteile ins Fleisch ein, muss der Wundkanal vollständig aus dem Tierkörper entfernt werden. Passiert dies nicht, beginnt Milchsäure im Gewebe während des Abhängens des Fleisches, zu arbeiten. Diese kann auch die kleinen Bleikügelchen zersetzen und so zu lokalen Verseuchungen im Fleischstück führen.

In der Jägerschaft ist das Problem der Bleibelastung seit Langem bekannt. Doch offensichtlich ist man nicht überall gewillt, neue Munitionstypen, die ohne das giftige Schwermetall auskommen, einzusetzen. Aus Sorge um ihrer Gewinne durch die Fleischabnehmer, wird das Problem lieber runter gespielt. Dahinter stecken handfeste wirtschaftliche Gründe. Die Mehrzahl der verwendeten Jagdgewehre sind weitgehend auf die Blei-Munition abgestimmt. Werden dagegen Stahlgeschosse verwendet, leidet die Haltbarkeit der Jagdgewehre enorm.

Der Ökologische Jagdverband spricht in diesem Zusammenhang von „reiner Hinhaltetaktik“. „Während Bundesforst und Berliner Forsten den Ausstieg aus der Bleimunition bereits festgelegt haben und bleifreie Munition im Landeswald Mecklenburg-Vorpommern weiterhin verboten ist, blockiert der Deutsche Jagdschutzverband (DJV) weiterhin die Nutzung bleifreier Munition. Obwohl mit 7-stelligen Steuermitteln im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums finanzierte Ergebnisse einer Studie über die Unbedenklichkeit des Abprallverhaltens von bleifreier Munition vorliegen und diese seit Jahrzehnten z.B. in Dänemark verwendet wird, wird vom DJV immer noch keine Empfehlung zur Verwendung ungiftiger Munition ausgesprochen. Der Deutsche Jagdschutzverband blockiert weiterhin bleifreie Munition. Er beruft sich darauf, es wäre noch nicht der wissenschaftliche Nachweis erbracht, dass bleifreie Munition tierschutzgerecht tötet. Die Dissertation zum Thema (Auswertung von Schussprotokollen) läuft an der FH Eberswalde und soll im 1. Halbjahr 2012 fertig werden. Nach aktueller Rechtslage kann Jedermann Munition herstellen und vermarkten, ohne dass irgendein Prüfverfahren vorgeschrieben ist! Man fürchtet beim DJV wohl, sein Gesicht zu verlieren, hat man sich doch Jahrzehnte erfolgreich gegen bleifreie Munition gewehrt. Noch nie hat der DJV verlangt, dass eine Munition vor Vermarktung wissenschaftlich überprüft werden soll. Quelle: Helmut Brücher, CITES-Sachverständiger, ÖJV

Darüber hinaus, gibt es noch weitere Gründe den Ausstieg aus bleifreier Munition voranzutreiben. Das nicht immer der ersten Schuss auch sein Ziel trifft, ist schon für das Tier schlimm genug, doch mit jedem Schuss der daneben geht, wird unsere Umwelt mit Blei verseucht. Wald und Flur wird kontaminiert und sogar Tiere können über das Futter mit Blei verseucht werden, obwohl sie nicht mal von Blei-Munition getroffen wurden. Die Fehlschüsse die im Acker landen, vergiften die Ernten auf unseren Feldern. Wie groß das Problem ist, wird deutlich, wenn man sich die Wildentenjagd ansieht. Bei Verwendung von Schrot-Munition landet der größte Teil im Boden oder im Gewässer. In einigen Bundesländern ist die Verwendung von bleihaltiger Munition an Gewässern inzwischen gesetzlich verboten. Der Grund: Viele Wasservögel hatten Bleivergiftungen, weil sie Schrotkörner gefressen hatten. Ein beträchtlicher Teil der pro Jahr in Deutschland etwa neun Millionen (inkl. Dunkelziffer) durch die Jagd getöteten Tiere stirbt jedoch nach wie vor durch bleihaltige Munition.

Vergiftungsgefährdet sind dadurch vor allem auch aasfressende Greifvögel wie Bussard, Adler, Milan oder Kornweihe. Das Schwermetall kann über den Verzehr angeschossener Beutetiere in den Verdauungstrakt der Greifvögel gelangen. Jeder dritte bis vierte der seltenen Seeadler stirbt in Deutschland deshalb an Bleivergiftung.

Eigentlich dürften diese Argumente ausreichen, um ein Umdenken zu bewirken, aber offensichtlich hat es unsere Bundesregierung mal wieder gar nicht eilig.

Während das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) bereits 2007 vereinzelt sehr hohe Bleibelastungen in Wildschweinproben bestätigt hat und u.a. die Verbraucherzentrale in Nordrhein-Westfalen empfiehlt, aus Sicht des gesundheitlichen Verbraucherschutzes auf bleihaltige Munition zu verzichten, sehen die Umwelt- der Landwirtschaftsminister sowohl des Bundes als auch der Länder bisher keinen Anlass die Jagd mit giftiger bleihaltiger Munition flächendeckend zu verbieten, wie dies bereits in den Niederlanden und in Dänemark der Fall ist.

Deshalb, sollten die Verbraucher ein deutliches Zeichen setzten, um sich nicht weiter "mit Blei vergiften zu lassen" und entsprechenden Druck auf unsere Entscheidungsträger ausüben.

Sehen Sie dazu auch folgenden Beitrag des WDR:
http://www.wdr.de/tv/servicezeit/sendungsbeitraege/2011/kw38/0922/02_bleibelastung_von_wild.jsp

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